Rituale und Regelmäßigkeit sind wichtig für neue Muster

Vor kurzem hatte in unserer Abteilung eine Art “Ruhestunden” vorgeschlagen, eine Zeit, in der die Kollegen ungestört arbeiten können. Ich wurde von einigen Kollegen aus meinem Team angesprochen, dass es doch geil wäre, wenn man zumindest für wenige Stunden konzentriert arbeiten könnte. Ohne ständig abgelenkt zu werden. Kann ich voll verstehen, wenn man gerade im Flow ist und dann kommt jemand mit “darf ich dich kurz stören?”. Die sinnloseste Frage überhaupt. Du störst doch mit der Frage bereits. Also leg lieber gleich los und verschwende meine Zeit nicht.

Zurück zu der Ruhepause. Die Idee ist nicht neu: Zwischen 13:00 und 15:00 Uhr herrscht ein “Redeverbot”. Man darf niemanden ansprechen, es sei denn es wurde zuvor über andere Kanäle vereinbart (Skype, Slack, WhatsApp, Bechertelefon). Übrigens diese “anderen Kanäle” dürfen auch in der Zeit stummgeschaltet werden.

Naja, man kann sich vorstellen, die Idee wurde abgeschmettert. “Wenn ich etwas brauche, dann werde ich nicht warten”. “Der strikte Verbot würde die Arbeit behindern”. Natürlich konnte die Mehrheit das Problem nachvollziehen und empfand auch, dass man öfters gerne ungestört arbeiten würde. Dann fing die Kompromissfindung an.

Die Idee mit dem strikten Ritual, einer Regel für alle, die einheitlich alle Kollegen betrifft und immer zur gleichen Zeit stattfindet, wurde aufgeweicht: Jeder Kollege kann entscheiden, ob man mitmacht, durch eine “Kennzeichnung” den Wunsch signalisieren. Was war die Folge? Niemand hat sich getraut diese Regel durchzuziehen. Es gab keine einheitliche Vorschrift für alle, die Bedingungen fürs Mitmachen wurden durch Bedingungen verkompliziert.

Was habe ich dadurch gelernt? Erstens: Konsens ist keine gute Form der Entscheidungsfindung. Zweitens: Möchte man neue Gewohnheiten oder Muster etablieren, müssen sie einem verbindlichen Ritual folgen, ohne Ausnahmen. Am Anfang wird die Umsetzung noch holprig sein, aber je einfacher die Regeln sind, desto schneller werden diese gelernt und befolgt. Eine klare Regel wie “Ruhezeit zwischen 13 und 15 Uhr, für alle” könnte man nach und nach umsetzen und etablieren. Eine “Möglichkeit der Signalisierung einer ungestörten Arbeit um eine beliebige Uhrzeit” ist keine Regel und wird ignoriert.

Veröffentlicht in Allgemein von Leonid Lezner