Warum beschäftigt mich die Thematik überhaupt?

Ich habe schon vor dem Studium von einer eigenen Firma geträumt. Mich inspirierte der Gedanke so viel Verantwortung zu übernehmen und meine Träume leben zu können. Mit meinem Team würden wir großartige Produkte entwickeln und unseren Kunden anbieten – das war mein Traum. Ich habe mir gewünscht, die Mitarbeiter würden ihre Arbeit lieben, mit Leidenschaft arbeiten und auch gutes Geld für Ihre Arbeit bekommen. Meine Firma könnte zu einem bedeutenden Teil des Lebens anderer Menschen werden.

Mit meinem Team großartige Produkte zu entwickeln und unseren Kunden anzubieten – das war mein Traum.

Dann bewarb ich mich in einem Großkonzern und habe meine Träume der Erde übergeben. In den knapp 7 Jahren in Großkonzernen erlebte ich nichts anderes, als eine Anreihung von Tagen voller Langeweile und Hamsterrädern. Eine Abwechslung von Unter- und Überforderung, ständige Suche nach Sinn meiner Aufgaben, Politik- und Machtspiele. Ich habe erlebt wie gute Leute und produktive Teams kleingehalten und permanent umpriorisiert wurden. Wie die Macht weniger den Kampf gegen das Fachwissen vieler gewann und wie Superhelden den Weg ihrer Karrieren ebneten und nur verbrannte Erde hinterließen. Sowas hätte ich in einer eigenen Firma niemals für möglich gehalten. Warum sollte jemand von meinen Mitarbeitern seiner bzw. ihrer Karriere einen Schubs auf Kosten der Kollegen oder der Firma geben? Ein No-Go. In Großkonzernen gefühlt an der Tagesordnung.

Warum sollte jemand von meinen Mitarbeitern seiner bzw. ihrer Karriere einen Schubs auf Kosten der Kollegen oder der Firma geben?

Nun man mag mich fragen, warum verlasse ich den Konzern nicht und gründe eine eigene Firma oder gehe in den Mittelstand. Es gibt einen Grund für mich im Großkonzern zu bleiben: Die Vielfalt. Vielfalt an Menschen, Produkten, Organisationsformen. Es ist eine großartige Schule, sie ermöglicht den Perspektivenwechsel, man kann ständig neues Lernen und natürlich neue Beziehungen knüpfen. Es ist zweifellos auch eine gewisse Sicherheit, da man im Großkonzern fast schon den “Beamtenstatus” hat. Eine gefährliche Eigenschaft, die die Innovation des Unternehmens ausbremst. Aber Bequemlichkeit und Angst vor radikaler Veränderung hat auch meine Seele vergiftet.

Es gibt einen Grund für mich, der mich im Großkonzern hält: Die Vielfalt.

Daher habe ich meinen Traum wieder herausgegraben und versuche ihn an mein aktuelles Konzernleben anzupassen. Eine Reinkarnation könnte man sagen. Ich möchte ein Team führen (anleiten, unterstützen), dass ein Software-Produkt entwickelt und genug Autonomie besitzen, um nicht ständig darum kämpfen zu müssen, ob die Kollegen am nächsten Tag noch für mich arbeiten werden. Ich möchte das Team agil aufstellen, agil im Sinne von Scrum und der Anpassfähigeit der Mikroprozesse an das was das Team wirklich braucht, um Bestleistungen zu erzielen. Ich möchte den Führungsstil erlernen, den ich immer so vermisst habe: Für das Team da sein, erkennen was es braucht, die Kollegen unterstützen, den Rücken freihalten. Moderator sein wenn er benötigt wird. Bei Problemlösung mitmachen, zuhören, Fragen stellen. Erkennen, was die Stärken der Kollegen sind, ihre Träume und wie die Arbeit in meinem Team diese Träume näher rücken lässt. Und wenn das Team einem der Kollegen nicht passt und er sich nicht entfalten kann, dann auch Mut haben diesen Kollegen loszulassen und seine Wünsche zu respektieren.

Erkennen, was die Stärken der Kollegen sind, ihre Träume und wie die Arbeit in meinem Team diese Träume näher rücken lässt.

Ich stehe noch ganz am Anfang dieser Reise. Es gibt noch einige Hausaufgaben, die ich erledigen muss. Aber ich freue mich auf den Weg, fast schon mehr als auf das Ziel.

Veröffentlicht in Allgemein von Leonid Lezner